Heute ist alles anders.
Ich habe den Rother bis Vézelay weggepackt und folge der Töpner-Route nach Avallon – allerdings inzwischen auf meinem eigenen Weg.

Blick zurück auf Tonnerre, links die Kirche St. Pierre
In Tonnerre habe ich tatsächlich noch die Fosse Dionne besucht, um 9.00 Uhr meine letzte Sendung zur Post gebracht, und dann mit dem Aufstieg durch die Rue de St. Michel begonnen (das Kloster St. Michel lag nicht direkt auf dem Weg, und ich machte mir nicht die Mühe, es zu suchen). Dann ging es an der D 944 entlang -teilweise herrliche Ausblicke, aber doch ein bisschen viel schnell fahrende Fahrzeuge.
In Yrouerre fand ich am Ortseingang einen Holztisch mit Bänken und machte mich daran, meine Vorräte zu verspeisen. Dabei studierte ich Töpner und Karte und beschloss, von der großen Route abzuweichen und nicht nach Nitry, sondern nach Noyers-sur-Serein zu gehen. Ich überlegte, ob ich anrufen und mir die teure Unterkunft reservieren sollte, die Herr Bützow mir genannt hatte. Merkwürdigerweise kam mir der Gedanke: ruf nicht an. Als ich es dann doch tun wollte, weil ich es für ein Gebot der Nächsten liebe hielt, rechtzeitig zu buchen, damit die Leute alles in Ruhe vorbereiten können, war der Rasenmäher neben mir so laut, dass ich unmöglich ein Telefonat auf französisch führen konnte. Also gab ich es auf. Gerade als ich anfing, meine Wanderschuhe wieder anzuziehen, stellte der Mann seinen Mäh-Trecker ab und fragte mich, ob ich auf dem Chemin de St. Jaques de Compostelle sei. Dann kam er zu mir, faltete meine Karte auseinander, und wir diskutierten über verschiedene Routen. – Je näher du Vézelay kommst, desto öfter triffst du auf Menschen, die den kürzesten oder den schönsten … Weg kennen. Patrick, so hieß der Mann, empfahl mir eine Abkürzung; die meisten, so sagte er, würden von Joux-la-ville direkt quer durch nach Vézelay laufen, ohne Abstecher nach Avallon. So erfuhr ich, ganz nebenbei, dass ich nicht die einzige Verrückte bin, die die D 944 runtergelaufen kommt. Ich war aber nun fest entschlossen, erst nach Noyers und dann nach Avallon zu gehen. Er stimmte mir zu, Noyers sei ein sehr lohnendes kleines Städtchen, aber ich sollte nicht in der teueren Unterkunft übernachten, sondern noch zwei Kilometer weiter gehen und in der Prieuré Cours bei Soer Fulbert nach einem Bett fragen.
Es war doch sehr ruhig und beschaulich, wieder auf den kleineren Landstraßen unterweg zu sein. Ungefähr 13 Kilometer nach Yrouerre erreichte ich Noyers. Dieses kleine Städtchen hat ein einmaliges mittelalterliches Stadtbild; viele Häuser sind aus dem 16. Jahrhundert. Die Kirche (15. Jh.) war sogar geöffnet (was ja hierzulande selten ist). Wenn man in den südlichen Teil kommt, gibt es da jede Menge Restaurants, Cafés und Boutiquen. Dort habe ich dann auch ein wenig pausiert, bis die Herrschaften am Nebentisch angefangen haben zu qualmen wie die Fabrikschlote.
Danach ging es noch zwei unaufregende Kilometer weiter zur Prieuré Cours. Ich fand die betagte, aber quicklebendig frisch und freundlich lächelnde Ordensschwester (nach Klopfen und Hereingebetenwerden) in einem Sessel am Schreibtisch. Klar hatte sie eine Schlafgelegenheit für mich.
Aber erst einmal musste ich die Kapelle anschauen. Dieses Kleinod aus dem 12. Jahrhundert bekommen garantiert nicht viele Touristen zu Gesicht. Als Soer Fulbert (die Einheimischen nenne sie liebevoll Fu-Fu) rausgekriegt hatte, dass ich Musikerin bin, musste ich (durfte ich!) an der Orgel improvisieren. Es war keine besondere Orgel, aber es war ein erhabener Ort, und Soer Fulbert hörte gerne und lange zu. Dann bekam ich wie selbstverständlich meinen Abendbrot-/ Frühstückskorb. Da Soer Fulbert sehr schnell spricht, kapier ich nicht immer alles, aber irgendwie hatte sie eine Frau erwähnt, die noch Brot bringen wollte und die nicht gekommen war. Folgerichtig fehlte in dem Korb auch das Brot. Aber Soer Fulbert hatte alle möglichen guten Sachen reingestellt: frisch angemachten Salat, Milch, Joghurt, Marmelade, Zucker, Teebeutel, Aprikosen. Ich machte mich also glücklich daran, das Abendbrot zu bereiten (wobei ich meine spärlichen Brotreserven für das Frühstück aufsparen wollte, um die Marmeladen entsprechend würdigen zu können),

die Prieuré Cours
da klopfte es an der Tür, und da stand die Nachbarin aus dem Dorf mit dem Brot, einer Chipstüte und einer Packung Kochschinken, aber eigentlich, meinte sie, wollte sie mich jetzt direkt zum Essen einladen…
Oh diese Gastfreundschaft! Ich musste direkt mit dem Auto mitkommen. Etwas wehmütig packte ich den Salat und die anderen Sachen in den Kühlschrank, die mir Soer Fulbert so liebevoll in den Korb gepackt hatte. An diesem Abend bekam ich ein exzellentes französisches Menü; dazu wurde ich in einen 6-köpfigen Familien- und Freundeskreis aufgenommen wie eine lange erwartete Austauschschülerin…
23.05 Uhr. Ich sollte längst im Bett sein… Eben habe ich noch Soer Fulberts guten Salat gegessen. Und drei Aprikosen (aus dem eigenen Garten – total lecker!). Das musste einfach noch sein. Alles andere wäre pietätlos gewesen. Außerdem bin ich Pilgerin, und da darf man reichlich essen. … Aber jetzt muss ich echt ins Bett.
23 km