Samstag, 4.7.2009

Gott ist bei mir, Seine Gnade
sanft wie Flügel decket mich,
klar ist mir Sein Weg bezeichnet,
Seine Hand hilft väterlich.
Sicher lenkt Er meine Schritte
ewiglich.

Theodore C. Williams

Anfahrt auf Köln. (…)
Nachdem ich in Düsseldorf dem vollgequollenen, wegen Überfüllung nicht rechtzeitig geschlossenen und daher verspäteten Regionalzug entronnen bin, fängt die Reise jetzt an, langsam gemütlich zu werden. Die Iso-Matte kann man bei dem neuen Rucksack mit zwei Schlaufen unter dem Rucksack befestigen. Das hat den Vorteil, dass er phantastisch steht und den Nachteil, dass man in überfüllten Zügen keine Chance mehr hat. Also: im Notfall abmontieren und vor sich hertragen.

Angekommen in Trier.An2
Es ist heiß. Es ist viel los. Überall flanieren Leute. In der Dominfo hole ich mir meinen Pilgerpass. Da gerade eine Führung ins Unterirdische beginnt, darf ich mich noch anschließen. Unter der Dominformation schlummert sozusagen die Keimzelle des Trierer Christentums. Wir bekommen Reste eines Trierer Wohnhauses gezeigt, das offensichtlich im 3. Jh. zu Andachtszwecken genutzt wurde. Später wurde es von Konstantins erster, kleiner Basilika überbaut. Auch davon waren eine ganze Menge Reste sichtbar.

Ich begab mich dann auf den Weg zum St. Josefsstift. Überall ist Handwerkermarkt -  vor der Porta Nigra, im Durchgang der Porta Nigra, und zur Linken der Nordallee, die zum Kloster führt. Es duftet intensiv aus allen Ecken, nachSeife, ätherischen Ölen, offenem Feuer, Leder, …
Im Josefsstift haben sie nur noch teure Zimmer; die preiswerten sind alle belegt. So versuche ich es im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Hier bin ich richtig. Wie auch im St. Josef, hat das Gästehaus hier einen herrlich idyllischen, ruhigen Garten, in dem die Amseln zwitschern. Ein junger, gutaussehender und sehr freundlicher Priester hat mir mein Zimmer zugewiesen. Gleich gehe ich noch Sushi-essen ins Städtle und werde bestimmt nicht so spät ins Bett gehen wie die letzten Nächte (…)

Keine Sushi. Zwar habe ich mich ganze zwei Jahre auf diese Sushi-Bar gefreut, aber bei den Barmherzigen Brüdern für 10 Euro ein Bett okkupieren  und dann für 20 Euro zu abend tafeln, das geht dann doch nicht. Der Zwei-Euro-neunundvierzig-Sub-des-Tages tat‘s dann auch. (Ich bin strikt dagegen, einen Pilgerweg als Leidensweg anzusehen, aber mal verzichten ist ganz ok).

Sonntag, 5.7. Trier- Tawern

Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Jesaja

Stimmt.
Sollte ja mein Ego ganz schön ankratzen, dass ich schon auf der popeligen ersten Etappe schlappmache. Andererseits bin ich ja froh, endlich mal den Beweis zu haben, dass der Jesaja-Spruch auch für mich gilt.

Rucksackpacken dauert doch länger als man denkt, und Wachwerden in einem katholischen Männerkloster auch (nein, es ist nicht so, wie Ihr jetzt denkt!!!)  Deshalb saß ich dann erst um halb zehn im Park und habe nur noch die halbe Lektion geschafft, bevor der evangelische Gottesdienst in der Palastaula begann. Der Organist kam zu spät, improvisierte aber die Vorspiele zu den Liedern hervorragend. Dafür spielte er das Nachspiel sehr schlecht vom Blatt. Die Predigt über das Teilen gefiel mir gut, und die Kürze des Gottesdienstes kam meinen Wanderplänen nicht ungelegen.

03Auf dem Weg aus Trier heraus besuchte ich noch kurz die Abtei St. Matthias. Dort war der Gottesdienst noch in vollem Gange. Ich hörte mir die Bibellesung aus Hesekiel an und schlich dann behutsam wieder raus. Im (bereits geöffneten) Klosterbuchladen holte ich mir bei einem freundlichen jungen Klosterbruder meinen zweiten Pilgerstempel. Dann ging‘s ab an die Mosel. (…) Vor Konz machte ich einen Abstecher zum Karthäuser-Kloster. Das hätte ich mir allerdings sparen können. Zu war‘s, und der nach einiger Zeit durch die Sprechanlage hörbare Hausmeister, dem ich freundlich aufsagte, ich sei Pilgerin und ob ich mal eine Toilette benutzen könnte, schnarrte mir entwaffnend entgegen, das Haus sei vollständig geschlossen (schon klar -  deswegen hatte ich ja geklingelt). Glücklicherweise gab‘s ein benachbartes Altenheim (…)

Wo die Mosel und die Saar zusammenfließen, war dann der Punkt erreicht, wo nichts mehr ging. Studium und Gebet angesagt. (…) Als mir der Jesaja-Spruch in den Kopf kam, wusste ich, dass ich weitergehen konnte.
Und es ging. (…)

Als ich mich vom Moselufer entfernte, zogen sich über den bewaldeten Hügelketten dunkle Wolken zusammen. (…) Auf den Regen folgte eine wahre Invasion von Bremsen -  immerhin war die Regenjacke ein gewisser Schutz (zumindest obenherum). (…)

In Tawern fand ich nach kurzem Suchen die Pension in der Römerstraße.

ich habe mit der Schnur ca. 17,5 km nachgemessen
(incl. Abstecher  zu dem geschlossenen Kloster)

Montag, 6. 7. Tawern – Merzkirchen

Sitze in der Pilgerherberge Mary Hemmerling. Habe eben ein reichhaltiges Nudelgericht zu abend gegessen.
in Merzkirchen ist irgendwie nix los.
Bin momentan die einzige Pilgerin hier. Allerdings kommen heute abend noch ganz viele Monteure rein. (…)

Von Tawern bin ich irgendwann nach neun Uhr aufgebrochen. Am Ortsausgang fand ich dann noch das Hinweisschild zu den Ausgrabungen eines „Vicus“, eines Durchgangsortes für reisende Römer. Traf dort auf zwei nette ältere Herren, mit denen ich mich etwas festquatschte. Dann bin ich hochgestapft zum rekonstruierten römischen Tempelbezirk, wo ich eine Radfahrerin traf, die ebenfalls auf dem Jakobsweg nach Vézelay unterwegs ist. (…)
Dann ging‘s die Römerstraße weiter, auf der mich mal wieder ein kleiner Schauer überraschte. In Fisch Mittagspause am Brunnen in der Dorfmitte. Dann Abstieg zu der einsam gelegenen Rehlinger Kirche samt Friedhof. Das einst zugehörige Dorf ist im Mittelalter wohl von der Pest plattgemacht worden. Es gibt bei der Kirche eine Frischwasserquelle; hier lebte lange Zeit ein Einsiedler.

05Über Maklig ging es weiter nach Körrig. Hinter dem kleinen massiven Kirchlein ging es steil hinauf und dann geradeaus durch die Felder, mit atemberaubenden Farbkompositionen. Hinzu kam eine einmalige Schwalben-Open Air-Akrobatik-Konzert-Performance. Highlight des Tages! (oh, dieser unverzeihliche Ausflug ins vorsintflutlichste Denglisch! – Vergebt mir!)

Als ich später in der Pilgerherberge war, erfuhr ich noch folgendes: Einer meiner netten Gesprächspartner von heute morgen hatte angerufen, um sicherzugehen, dass mir nichts geschehen ist! Der mittägliche Wolkenbruch hatte ihn doch sehr beunruhigt, und er war sogar mit dem PKW losgefahren, um mich zu suchen (und gegebenenfalls zu retten…)

ca. 14 1/2 km

Dienstag, 7.7. Merzkirchen – Perl/ Schengen

Gestern abend noch einen Monteur kennengelernt, heute früh beim Frühstück einen Landschaftsvermesser.
Von Merzkirchen diesmal erst um kurz nach 10 aufgebrochen. Es gab ziemlich viel Regen. Weg ging durch eindrucksvolle Windparks. Unterwegs einen Hasen gesehen.
Im „Kampholz“ Mittagspause; es hat gerade aufgehört zu regnen; finde ein trockenes Plätzchen auf einem Baumstamm; einige neugierige Schwebefliegen, ansonsten habe ich Ruhe. Dann geht‘s weiter nach Borg. Die Kirche ist geschlossen. Ich hadere mit mir, ob ich den Umweg zur Villa Borg, einer wiedererrichteten römischen Anlage, wagen soll, da es schon halb vier ist. Schaue auf die Karte, rechne, lausche. Bekomme die Antwort, dass Gott mir den Spaß von Herzen gönnt. 02Also laufe ich durch den Wald zur Villa Borg (einen zusätzlichen Umweg wegen eines falschen Wegweisers in Kauf nehmend). Genieße die Rucksack-freie Pause (habe ihn an der Kasse deponiert), bewundere die römische Bade-Anlage (die bei Anmeldung und gut gefülltem Portemonnaie benutzt werden kann), freue mich über die liebevoll angelegten Gärten und entspanne beim Vertilgen einer heißen Schokolade in der Taverne. Hochmotiviert schreite ich anschließend durch den Wald zurück nach Borg. Hinter Borg gibt es ein großes Erdbeerfeld. Es duftet herrlich. Aber ich bin zufrieden, denn ich habe im Wald bei der Villa Borg bereits eine große Handvoll wilder Erdbeeren verzehrt.
Eine schnurgerade nicht enden wollende Straße bringt mich Luxembourg näher. In Hochstimmung überquere ich die Autobahn (mittels einer Brücke, versteht sich) und steige in Folge durch die Weinberge und durch das hübsche Örtchen Sehndorf nach Perl ab. In Perl gibt es viele Übernachtungsmöglichkeiten, aber keine offene Post. Ich möchte unbedingt weiter nach Schengen und dort in der Pilgerherberge übernachten, weil die Etappe morgen wahrscheinlich lang wird. Werfe noch einen Blick auf den schönen Barockgarten von Perl, dann geht es abwärts Richtung Schengen. Unten, kurz vor der Brücke, gibt es einen REWE, der natürlich sofort begangen wird, um ein paar wichtige Dinge zu besorgen (endlich Milch!).

Blick von der Moselbrücke nach Schengen

Blick von der Moselbrücke nach Schengen

Dann überquere ich die erhabene Moselbrücke und komme in Luxembourg an. In Schengen dann Irritation – dort, wo die Pilgerherberge sein müsste, finde ich weder eine Überschrift „Bildungs- und Begegnungszentrum“ noch eine Hausnummer 2.
Schließlich frage ich in einem gut frequentierten Café nach. Merke erst jetzt, dass man hier ja französisch spricht. Als ich von „Auberge pour pélerins“ spreche, beschreibt mir der Kellner eine 4 km entfernte Jugendherberge (nicht gerade meine Richtung). Ein Gast begreift, was ich meine, als ich „catholique“ sage. „Elle a raison! Elle a raison!“ sagt er zum Kellner und bestätigt mir, dass das gegenüberliegende Gebäude tatsächlich einem katholischen Konvent gehöre.
Wie man allerdings dort rein kommt, das wusste er auch nicht. Ich bedankte mich und probierte einfach sämtliche  Türen aus. Die erste Tür hatte eine spinnwebenverhangene Klinke. Keine Tür hatte eine Klingel. Schließlich wandte ich mich an eine Frau, deren kleiner Sohn auf der Straße spielte. Sie verstand, was ich meinte, konnte aber offensichtlich weder deutsch noch französisch reden, aber sie war sehr hilfsbereit, zeigte die Straße hinauf und sagte: „Haus, Haus“. Ich ging also die Straße hinauf, und als hätte der liebe Herrgott ihr gerade was gesteckt, kam in wallenden weißen Gewändern eine Nonne den Berg herab. Sie sprach sogar deutsch. Leider, so sagte sie, existiert das Begegnungszentrum nicht mehr. (…) Aber sie versorgte mich mit reichlich Trinkwasser, und wir hatten noch ein nettes Gespräch, bevor ich mich auf den Rückweg nach Perl machte. (…) Jetzt habe ich ein prima Souterrain-Zimmer für nur 15,- Euro (ohne Frühstück), und alles ist in Butter.

27 km (incl. ein bisschen hin und her)

Mittwoch, 8.7. Perl – St. Marguérite

Heute morgen habe ich prompt eine Stunde verschlafen. Nach einem selbstgezimmerten Frühstück (Honigwaffeln, Tütenschwarzbrot, und Müsli!) wie immer längere Pack-Prozedur, dann nochmal Einkaufen bei Rewe, so dass ich auch nicht früher loskam als gestern.

Ab heute keine schönen detaillierten topographischen Karten mehr, sondern nur noch 1.100 000 und Herrn Rothers Beschreibungen, die teils auch etwas abenteuerlich sind. „…An dieser Abzweigung finden Sie ein Durchfahrt-Verboten-Schild, ein Zusatzschild mit einem giftspritzenden Hubschrauber und ein liegendes gelbes Rechteck…“

01Unversehens fand man sich in Frankreich wieder, spazierte durch die Weinberge von Contz-les-Bains, grübelte, was Herr Rother wohl mit S-Kurve gemeint haben könnte, warum hinter derselben kein einziges liegendes gelbes Rechteck mehr auftauchte, das in die richtige Richtung wies, und ob das „weiße Dreieck auf blauem Hintergrund“ wohl mit dem blauen Dreieck auf weißem Hintergrund identisch ist, das überall an den Bäumen prangte. Dieses Zeichen war tatsächlich meist recht nützlich. Als ich ihm aber an einer Stelle, wo meine Wanderkarte was anderes sagte, aus reinem Pilgerführer-Kadavergehorsam trotzdem folgte, landete ich nicht in Contz-les-Bains, sondern auf dem Stromberg. Na, wenigstens hatte man einen schönen Blick und sah, dass  man falsch war. Also, den schnellstmöglichen Weg wieder hinunter gesucht und hinein nach Contz-les-Bains, mein erstes französisches Städtchen. Kein reich aussehender Ort, fast alle Häuser städtisch-grau, nicht alle in gutem Zustand, und trotzdem: so ein ganz eigener Charme, liebevolle Blümchen-Dekorationen und so. – Dagegen war Sierck-les-Bains, in das ich dann über die Brücke gelangte, langweilig. Hier traf ich Stefan und Beate aus Bonn (natürlich Pilger), die gerade nach einem Plätzchen für eine Kleinigkeit zu essen suchten. Weil es draußen einfach viel zu frisch war, um mein Mitgebrachtes in Ruhe zu verzehren, gesellte ich mich dazu. Als ich mir später in der Touristeninfo meinen Stempel holte, war da noch ein deutscher Einzelpilger, kenntlich an seinem massigen, rot abgedeckten Rucksack. Er verschwand aber schnell.

Weiter ging‘s hinter Sierck-les-Bains den Altenberg hinan, von Herrn Rother als der steilste Anstieg bis Vézelay bezeichnet. (Ich muss hier unbedingt nochmal aus diesem außergewöhnlichen Buch zitieren: „Nach 300 m intensivem Anstieg kommen Sie aus dem Wald heraus und spazieren erhitzt und glücklich mit Blick auf die Atommeiler von Cattenom noch etwas am Waldrand auf der Hochfläche entlang.“ – Entweder muss Herr Rother 2,20 m groß sein, oder das Getreide stand effektiv nicht so hoch, als er den Weg ging. In den Genuss des Anblicks der Atommeiler von Cattenom kam ich im späteren Verlauf des Weges allerdings noch zur Genüge…)
Während ich noch rätselte, warum denn die Schilder mit den grünen Ringen schon wieder in die falsche Richtung zeigen, überholten mich Beate und Stefan.
Da ich vorhatte, es wegen der nächsten Übernachtung bei Frau Keller in St. Marguerite zu versuchen, bog ich ein gutes Stück hinter Kerling-les-Sierck vom Pilgerweg ab und folgte nur noch Karte und Kompass bis St. Marguerite. Es ging dann sehr lange durch den Forêt Domainale de Sierck. Ich lief die meiste Zeit mit dem Kompass auf der Karte und war unendlich dankbar, ihn dabeizuhaben.

St. Marguerite

St. Marguerite

Direkt vor St. Marguerite hatte ich endlich wieder eine Handy-Verbindung. Ich rief Frau Keller an, da ich keine Adresse von ihr hatte. Es stellte sich heraus, dass mir jemand zuvorgekommen war. Aber dieser Jemand waren niemand anders als Stefan und Beate, die einverstanden waren, dass ich ihr Bad mitbenutzte, und so durfte ich mit meinem Schlafsack einfach in einem anderen Zimmer campieren. Allmählich trudelten die beiden auch ein (ich hatte den direkteren Weg gewählt), man versammelte sich in der Küche, Frau Keller machte eine leckere Kiche Lorraine (wir sind nämlich in Lothringen), und alle waren glücklich. Diese Gastfreundschaft ist überwältigend.

ca. 21 km

Donnerstag, 9.7. St. Marguérite – Vigy

Wir frühstückten reichlich und viel zu lange, weil wir uns so angeregt unterhielten. Beate und Stefan kamen dann wesentlich schneller weg, weil ich noch gründlich mit Packen beschäftigt war.

Draußen traf ich den Bruder von Frau Keller und wechselte mit ihm ein paar Wortbrocken. Wir waren uns einig, dass sie eine wunderbare Frau ist.

Hinter dem Ortsausgang erwartete mich eine Überraschung: eine winzige Jakobsmuschel prangte auf einem Pfosten und zeigte die Richtung an (Überraschung, weil bisher die Information galt, dass der Jakobsweg in Frankreich nicht markiert ist, außerdem befand ich mich ja noch nicht mal auf der im Pilgerführer beschriebenen Route). Ich folgte dem Wegweiser und kam tatsächlich auf dem kürzesten Weg auf die Landstraße nach Veckring. Unglücklicherweise folgte ich den kleinen Wegweisern auch weiterhin, statt brav auf der Landstraße zu bleiben. Der Weg führte mich nun, wenn auch in die richtige Richtung, so doch immer tiefer in den Wald hinein, eigentlich ein sehr schöner Weg, wäre da nicht der Regen gewesen, der, im Zusammenspiel mit den lothringischen Planierraupen,  den Weg in eine Schlammwüste verwandelt hatte. Nachdem ich mich in endloser Tast- und Rutscharbeit (besonders gemein war die steil abschüssige Kurve) zu einem Ausgang durchgearbeitet hatte, musste ich noch ein ganzes Stück zurück in die falsche Himmelsrichtung, bis ich mich wieder sicher auf der Landstraße nach Kédange-sur- Canner befand. Dort angekommen, begegnete ich zwei Fahrradpilgern aus Osnabrück. Gute preiswerte Einkehrmöglichkeiten schien es weit und breit nicht zu geben, und so befriedigte ich das Bedürfnis nach Nahrungszufuhr in einem trocken gebliebenen Haltestellenhäuschen und das andere menschliche Bedürfnis auf einer Tankstellentoilette.
Als ich wieder aufbrach, war der Nachmittag schon angebrochen, und ich hatte ja den Großteil der Strecke noch vor mir. Aber da ich keine weiteren Waldweg-Experimente mehr wagte und brav auf den beschriebenen Routen blieb, kam ich gut vorwärts und erreichte Vigy schon um kurz nach 6. Dank des Hinweises von Frau Keller fand ich auch die Jugendherberge sofort.

Die Unterkunft ist frappierend schlicht.
Die Franzosen nehmen‘s gelassen.

Das Benehmen meiner Gastgeber hier ist höchst höflich und zuvorkommend – also worüber soll ich klagen?

ca. 28 1/2 km

Freitag, 10.7. Vigy – Metz

Heute bin ich ganz früh aufgestanden, um dem Massenandrang beim Frühstück zu entgehen. Es gelang. Ich war schon um kurz nach sieben beim Frühstück. Erste! Kurz vor neun war ich auf dem Weg – ziemlich gut für mich. (…) In Vigy fand ich eine offene Bäckerei (Brötchen = petits pains, stand im Wörterbuch -  kennen die nicht, also nahm ich zwei Croissants, auch lecker) und eine offene Post! Jetzt habe ich endlich Briefmarken!!
-  fehlen nur noch die Postkarten dazu…

Die Strecke heute lief ruhig und ereignislos, nur da wo die Stadt anfängt, bei Fort St. Julien, gab‘s ein paar kleine Unstimmigkeiten zwischen mir und dem Wanderführer. (Aber im Großen und Ganzen sind die Beschreibungen von Herrn Rother schon sehr hilfreich.)  Der Eingang nach Metz erfolgte durch uralte Befestigungsanlagen (13./14. Jh.). Rother schreibt: „Schöner kann man eine Stadt fast nicht betreten.“

3

10Und dann – die Kathedrale! Ab heute weiß ich, was eine Kathedrale ist! Der Kölner Dom ist nichts dagegen… Unzählige Fenster aus den unterschiedlichsten Epochen – und trotzdem nicht dunkel. Es gibt auch Fenster von Chagall – und von anderen modernen Künstlern. Sie passen sich recht gut ins Gesamtbild und stören nicht das Erhabene. Soweit mein erster Eindruck. Morgen muss ich genauer gucken… Und dann die Schwalbennestorgel! Sie ist aus dem 16. Jh. Deswegen klang‘s auch so unglaublich schön, als ich reinkam und der Organist gerade am Üben war.
(…)
1Sitze in einem eigentlich gemütlichen Café mit nerviger Musik. Die Kellnerin (sehr lässig) hat mir den Kakao gebracht und mir dann mit einem Schwall von Worten irgendetwas erzählt. Als ich es wagte ihr zu sagen, dass ich kein Wort verstanden habe (und das auch noch nicht einmal grammatisch korrekt), machte sie eine abfällige Bewegung und verschwand. Seitdem scheint sie mich vollkommen zu ignorieren (…)

Als ich zurück zur Jugendherberge kam (vorher war noch geschlossen), wartete schon eine aufgekratzte Teenie-Schulklasse aus Heilbronn ebenfalls auf Einlass. Da die Lehrerinnen (die man erst auf den zweiten Blick von ihren Schützlingen unterscheiden konnte) recht lange und ausführlich über die Formalitäten aufgeklärt wurden, dauerte es eine Weile, bis ich drankam. Die Jugendherberge ist schlicht, aber kein Vergleich mit dem Schuppen von heute morgen, sehr ordentlich, sauber. Vorhin habe ich Wäsche gewaschen. Waschmaschine gibt es keine, aber eine coole überdachte Wäscheleine. (…)
Die Frau an der Jugendherbergsrezeption ist total nett und bemüht sich, deutsch mit mir zu sprechen.

ca. 17 1/2 km

Samstag, 11. Juli, Metz

kein Reisetagebuch. Habe genügend Postkarten geschrieben.
Erwähnenswert ist allerdings: Beim Frühstück in der Jugendherberge habe ich Beate und Stefan getroffen. Die beiden wollen bis Nancy wandern. Da ich in Metz einen Tag Pause mache, werden wir uns wohl nicht wiedersehen.

07

Sonntag, 12. Juli, Metz – Vandières

Heute ging‘s nicht so früh los wie geplant. Als Erste bin ich aufgestanden, als letzte war ich weg. Aber das sollte wohl so sein. Als ich mich auf den Weg zum Moselkanal machte, war es viertel nach zehn. Um halb elf fing der evangelische Gottesdienst im „Neuen Tempel“ an. Also doch noch in die Kirche. So bekam ich den „Neuen Tempel“ auch mal von innen zu sehen. Schön hell und schlicht, erinnerte mich ein bisschen an die Mutterkirche, In der Apsis drei bunte Fenster, das mittlere mit einem wunderschönen strahlenden Kreuz. Leider waren nur wenige Menschen bei der wichtigen Veranstaltung. Irgendwann fand ich heraus, dass die Bibellesung von Kain und Abel handelte. Der Mann las hervorragend, mit rhetorischen Pausen und richtig ergriffen. Die Pfarrerin artikulierte beim Predigen sehr gut, so dass ich wenigstens ein paar Bruchstücke verstand. Gesegnet ging ich los, und da war es schon viertel vor zwölf, ziemlich spät für eine lange Strecke. Aber egal. Keinen Augenblick habe ich bereut, in dem Gottesdienst gewesen zu sein. Schließlich war ich bereits beim ersten Lied von den komischen Magenverstimmungen geheilt, die meine Abreise so verzögert hatten.

Am Moselkanal dann die erste Verwirrung: sollte ich über die erste oder die zweite Brücke gehen? Ein älteres Ehepaar sah mein Zaudern und kam mir zu Hilfe. Nach einigem hin- und her-überlegen entschieden die beiden, dass es sich um die ersten Brücke handeln müsse und begleiteten mich (inclusive Hund) liebevoll hinüber (die lieben süßen Franzosen!), nicht ohne mir das Versprechen abzunehmen, für sie zu beten, wenn ich in Santiago di Compostella ankomme. Ob‘s  nicht schon ein bisschen früher sein könne mit dem Beten, erwiderte ich (wer weiß, wann ich jemals in Santiago ankomme…) Leider hatten die beiden lieben Leute natürlich keinen Schimmer von der Streckenplanung meines Pilgerführers, und irgendwann war mir klar, dass ich falsch ging. Es dauerte noch ein Weile, bis ich schließlich über ein paar Umwege den richtigen Kanalzugang gefunden hatte, und dann begann die lange heutige Kanaltour (sehr nett) – unterbrochen von ein paar gelegentlichen Weinbergen.

Arnaville

Arnaville

Der Schrottplatz zwischen Ars-sur-Moselle und Ancy-sur-Moselle, an dem ich, in Übereinstimmung mit meinem Wanderführer vorbeikam, wurde von einem tief bellenden Hund bewacht (zwischen ihm und mir war glücklicherweise etwas Zaunähnliches), dann, etwas weiter, überraschte er mit einer wundersamen Ansammlung von urigen Wohnkarossen und zu Garten angelegtem Schrott. Aus einem Lautsprecher tönte mehrstimmiger (nicht immer 100 % sauberer) Männergesang der fröhlichen Art, und eine nett aussehende Frau, die soeben die Szene betrat, grüßte freundlich. Als ich auf dem Schotterweg etwas weiter gekommen war, parkten da wie selbstverständlich mehrere Ziegen. Kreativer Ort. Noch eine ganze Weile später trat man entweder auf schlecht befestigten Schotter oder auf Ziegenkot…

Bin jetzt in Vandières, einem Ort, dessen Namen ich ständig vergesse, in einer „Auberge des Voyageurs“. Habe ein tolles Zimmer (helle, mediterrane Farben, einen kleinen Balkon mit weißen Lamellenfensterläden, einem zarten Eisengitter und jeder Menge Blümchen in den Kästen), obwohl das hier eigentlich ‘ne ziemliche Absteige ist. Aber was Einrichtung betrifft, kennen die Franzosen anscheinend keinen schlechten Geschmack.

ca. 28 1/2 km

(laut Kompassschnur, und ich habe natürlich
meine Umwege ein wenig mitberücksichtigt :-)

Montag, 13. Juli 2009, Vandières – Dieulouard

Ich nehme das zurück. Beides. Das mit der Absteige, und das mit dem schlechten Geschmack. Das in Vandières war keine Absteige. Das heute schon. Und dass es keine Franzosen mit schlechtem Geschmack gibt, ist mir auch soeben widerlegt worden.
Ein trostloser Ort, dieses Dieulouard.

Und doch: Als ich aus dem Wald hier herunter kam und mich gerade fragte, warum mache ich das hier eigentlich, da sprang auf einmal ein wunderschöner Rehbock direkt vor mir aus dem Busch und hüpfte anmutig über die Wiese.  Dann blieb er stehen und wir fixierten uns eine Weile. Schließlich sprang er über zwei Zäune und verschwand.

6In Pont-à-Mousson war ich in einer Kirche, ich glaube, St. Laurent, einem sehr schönen gotischen, kathedralen-ähnlichen Bau. Innen befindet sich im rechten Seitenschiff eine Grablegungsgruppe aus der frühen Renaissance. In der ausliegenden Broschüre stand, dass die trauernden Figuren noch ganz im gotischen Stil gehalten sind, während die schlafenden Wächter vor der Gruppe schon im Stil der frühen Renaissance gekleidet sind, meiner Meinung nach ein Wink des Künstlers an die Oberflächlichkeit seiner Zeitgenossen, die soeben Wesentliches verschlafen.

Was ich unbedingt noch erwähnen muss, ist die Schwan-Vollversammlung auf der Mosel bei Pont-à-Mousson. So viele Schwäne auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen.

Ich muss noch hinzufügen, dass man immer wieder Franzosen begegnet, die unglaublich aufmerksam und hilfsbereit sind (heute z.B. der Mann in der Imbissbude).

km:  23 1/2

reicht auch, oder?

Dienstag, 14. Juli, Dieulouard – Nancy

Sitze in Custines in einem lebendigen kleinen Café und wärme mich bei einer heißen Schokolade auf. Heute ist hier Nationalfeiertag, trotzdem habe ich ein paar offene Geschäfte gesehen. Vielleicht ist wegen dem Feiertag so viel los hier im Café.
Bin jetzt zweieinhalb bis drei Stunden im leichten Dauerregen gelaufen. Jetzt bin ich ziemlich nass und habe auch schon ein bisschen Dreck hier gemacht (habe mich auch schon dafür entschuldigt :)
Unterwegs vielen ganz winzigen Fröschen begegnet. Musste aufpassen, nicht draufzutreten. Hin und wieder liefen auch hübsche kleine Schnecken über den Weg.
Eben habe ich nachgeschlagen, was die geheimnisvolle Gerichtsbezeichnung „assiette“ bedeutet. Die Auflösung ist schlicht und ergreifend: Teller… Jetzt habe ich ein einfaches Schinkenbrot für 4,- Euro bekommen. Schmeckt auch gut. Ein Herr hat mich soeben angesprochen. Er hat meine Schokolade bezahlt. Nett von ihm. Leider scheiterte eine intensivere Kommunikation an meinem grottig schlechten Französisch. Ob ihn das sehr enttäuscht hat?

8Als ich in Custines das Café verließ, hatte es aufgehört zu regnen, und es blieb relativ trocken, bis ich das Zentrum von Nancy erreichte.
Ab Champigneulles ging es nur noch einen schmalen Weg an einem Nebenkanal der Meurthe entlang. Dabei wurde ich ein wenig schläfrig. Irgendwann machte ich einen Abstecher von wenigen Metern an den Hauptfluss und relaxte dort eine Weile auf meiner Iso-Matte. Schließlich muss es ja irgendeinen Sinn gehabt haben, sie die ganze Zeit mitzuschleppen!
Irgendwann ging‘s dann über eine kleine Fußgängerbrücke, durch den Park, und dann – voilà – mitten hinein ins Herz des prunkvollen Nancy, mit Regierungsgebäude, Wanndelallee und Triumphbogen.7 Und geregnet hat‘s auch wieder ganz ordentlich. Habe das Hotel de l‘Académie gefunden. (…) Das Hotel ist echt stylisch! Außen ein kleiner, unscheinbarer Eingang, innen ein atmosphärisches, verschachteltes Innenhof-Treppenhaus mit Dachlicht. Mein Zimmer- und Bad-Fenster gehen beide ins Treppenhaus auf, das Zimmer ist schön. Allerdings hatte ichbei Eintritt ins Bad erstmal nasse Füße, dank einer Wasserlache vor dem Waschbecken. Die junge Frau von der Rezeption kam denn auch schnell mit einem Wischmop, wurde allerdings zunächst der Wassermassen nicht Herr und tropfte erst einmal eine Spur durch‘s Zimmer beim Versuch, den vollgesogenen Wischmop wieder hinauszubefördern. Aber das Problem wurde gelöst (…)
Sitze jetzt in einer Pizzeria, die eigentlich erst um 19.00 Uhr aufmacht. Habe aber schon etwas zu trinken bekommen. Hier ist es ein bisschen verraucht, aber das ist ganz  ok, so merkt niemand, dass ich selber ziemlich stinke, habe nämlich noch nicht geduscht.

Morgen suche ich eine Post, und dann schicke ich meine erste Wanderkarte nach Hause!

28 km

Mittwoch, 15. Juli, Nancy

Eben war ich im Musée-des-Beaux-Arts. Erst habe ich mir französische Malerei des 19. und frühen 20. Jh. angesehen und dann im Kellergeschoss zwischen den mittelalterlichen Ausgrabungen der Stadtbefestigungen von Nancy, die berühmte Daum-Sammlung, hauptsächlich mit Jugendstilvasen der verschiedenen Jahrzehnte. Das fängt in den 1890ger Jahren an und geht bis in die 1920ger. In meinem Wanderführer steht, dass der Jugendstil als Gegenbewegung zum früheren Pomp, aber auch zur Industrialisierung entstand: Über Pflanzenornamente wurde die Natur zurück in den Alltag geholt. Es sind teils unglaublich kitschige Exponate darunter, aber auch wunderschöne, formvollendete Vasen. Die ganze Ausstellung wirkt bezaubernd in den abgedunkelten Kellerräumen. Dann war ich noch im ersten Stock bei den italienischen Renaissancemalern, brach aber bald ab, weil ich genug hatte von gefolterten Märtyrern und Leidensbildern Jesu. Schon in der Kathedrale heute hatte ich eher das Gefühl, in einem Heidentempel zu sein, als in einer christlichen Kirche. Überall Reliquienschreine (selber schuld, werden einige sagen, wenn du dich freiwillig auf den Jakobsweg machst). Trotzdem gab es auch eine anrührende Szene in der Kirche: in einer hinteren Kapelle saß eine alte Frau und betete; als ich auf dem Weg nach draußen war, fing sie einen zart gesummten Singsang an, ganz leise.

Die andere große Kirche, St. Epvre, war wegen Renovierung geschlossen. Sie stammt aus dem 19. Jh. und ist neogotisch gebaut. Die „Fälschung“ erkennt man schnell an einem gewissen Maß an romantischem Kitsch und an einigen pompösen Übertreibungen. Nun denn, meinen Pilgerstempel musste ich mir in der Touristeninformation holen.

Bin jetzt gerade im „Musée de l‘école de Nancy“. Dass der Jugendstil hier erst 1890 losgeht, muss ich revidieren. Ich sitze vor einem unglaublichen Flügel von 1878 – ziemlich schrill, er kommt mir aber auch noch ein bisschen „biedermeierlich“ vor. Von der Seite sieht man japanische plastische Applikationen, und diese erinnern wieder sehr an einige Vasen (ebenfalls früheren Datums) aus der Daum-Sammlung. Vielleicht sind die ganzen Blumenornamente ein wenig von Fernost inspiriert…?

Donnerstag, 16. Juli, Nancy – Toul

Toul. Viel kleiner als Nancy, aber nicht minder sympathisch. Sitze vor einer kleinen Schnellpizzeria und warte auf meine Pizza Lorraine.

Heute hatte ich ein bisschen zu wenig Wasser mit. An einem anderen Tag hätte das gereicht, aber heute war‘s sehr heiß, vor allem am Nachmittag.

Gerade marschierte vor mir selbstbewusst ein Kätzchen vorbei. Das zeigt, dass wir mitten in einer sympathische Kleinstadt sind.
Die Hotels haben irgendwie alle ihre Macken – in Nancy kam abends immer der Zigarettenqualm ins Zimmer, gerade wenn ich schlafen wollte, und hier in Toul funktioniert das Licht nicht – was soll‘s, die Leute sind unkompliziert und nett, und ich hab‘ überhaupt keine Energie, um mich aufzuregen.
Habe soeben meine Pizza Lorraine verzehrt und einer Nicht-Französin auf französisch den Weg zu den Hotels gewiesen. Boah, bin ich gut…
Hey, hier laufen ständig Leute rum, die englisch sprechen oder so. Vorhin an der Hotel-Rezeption war sogar einer, der schlechter französisch sprach als ich – nämlich gar keins!

5Bin heute durch den Forêt Dominicale de Haye gewandert, 10 km lang, habe ihn „Räuberwald“ getauft, weil laut Rother hier früher die Räuber hausten und Reisende in Angst und Schrecken versetzten. Ein paar Fahrradsportler kamen mir entgegen, und bei „Les six Bornes“ fuhren auch mal‘n paar Autos durch, ansonsten keine Menschenseele. Dafür aber umso mehr Tiere! Wunderschöne Libellen, erst blaue, dann immer wieder rote. Natürlich Schmetterlinge, zum Beispiel die ganz dunkelbraunen mit der weißen Borte. Manche Vogelrufe habe ich gehört, die mir gänzlich unbekannt waren, manchmal auch ein merkwürdiges Klappern, das von keinem Specht stammen konnte.
Nach dem Wald nur noch Hauptstraße, manchmal nicht ganz ungefährlich. Hinter „Villey-le-Sec“ wurde es wirklich „trocken“ -  die Sonne knallte unglaublich, und meine Wasservorräte machten mir langsam Sorge. Die beiden Restaurants in Dommartin-les-Toul hatten leider geschlossen (langsam komme ich hinter das System: Restaurants sind nur mittags und abends geöffnet, Brasserien durchgehend, dafür bekommt man dort abends nichts mehr zu essen). Gegenüber war aber eine „Ambulance“, dort durfte ich Trinkwasser zapfen.
(…)
10-1Die Kathedrale von Toul betrat ich von hinten, durch den Kreuzgang. Das Kircheninnere gefiel mir sofort gut. Die junge Frau, die am Verkaufstisch saß, untersuchte meinen Pilgerpass auf‘s Genaueste und stellte Fragen zu der Herkunft einiger Stempel, bevor sie den ihren in den Pass drückte – als ob ich nicht rucksackbepackt und durchgeschwitzt genug gewesen wäre, um als echt durchzugehen (vielleicht stank ich zu wenig, weil ich jeden Abend dusche und regelmäßig meine Klamotten wasche).

Die Frau in der Touristeninfo sprach perfekt deutsch (und dabei hatte ich gerade mal „bonjour“ gesagt!) und war sehr hilfreich; sie sorgte dafür, dass ich das billige Zimmer im ABC Hotel noch bekam und gab mir ein paar wertvolle Tips für meine nächste Route.

Heute abend wird um 21.45 Uhr die Kathedrale nochmal geöffnet, es gibt Beleuchtung mit Musik und eine Führung. Eigentlich muss ich ins Bett, aber vielleicht gehe ich trotzdem hin…

27 km

PS. Zur Ehrenrettung des ABC Hotel muss ich anmerken, dass das Licht sehr wohl funktionierte – ich hatte nur das geniale Magnetkarten-Allround-System noch nicht richtig verinnerlicht…

Freitag, 17.7. Toul – Vaucouleurs

Der Abschied von Toul fiel schwer.
Ein kleiner Trost waren die vielen Schiffchen, die mir auf dem Kanalweg (den mir die Frau im office de tourisme beschrieben hatte) aus den Schleusen entgegenkamen. Viele der Schiffsleute winkten mir fröhlich zu, und nicht wenige von ihnen waren Deutsche. Auf einem Schiff stand „Bremen“, auf einem anderen „Krefeld“.
9Dann ging es an der Ferme La Savonnière vorbei durch herrliche Mohn-, Margeriten- und Sonnenblumenfelder und dann in den Wald hinauf. Bei Ugny-sur-Meuse überlegte ich, aufzuhören; das erübrigte sich aber, weil bei der „Gite“ auf mein Klingeln niemand öffnete. (Inzwischen weiß ich, dass die „Gites“ in der Regel nur für eine ganze Woche vermieten, während „Chambre d‘hôtes“ auch für eine Nacht geht).
Als ich in Vaucouleurs einmarschierte, fing es an zu regnen. Das Museum hatte geschlossen, und in der Touristeninformation sagte man mir, dass das Jeanne-d‘Arc-Hotel freitags Ruhetag hat…  Die einzige Möglichkeit weit und breit, Maxey-sur-Vaise, war noch 7 km weit. Aber kurzerhand telefonierte Mme Nathalie und beorderte  die freundliche Chambres-d‘hôtes-Besitzerin nach Vaucouleurs, um mich abzuholen. Morgen schummle ich also ein bisschen. Ich lasse 7 km aus. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen…
Aber die Bude hier ist unglaublich! Ein Riesenhaus, ganz für mich allein! Und oben das Zimmer, das Bad – alles vom Feinsten. Werde bestimmt gut schlafen.

23 km

Samstag, 18. Juli, Maxey-sur-Vaise — Domrémy-la-Pucelle

Jippieh! Habe gesicherte Unterkunft bis Joinville. Mme Noisette hat heute früh für mich rumtelefoniert (nach einem exzellenten Frühstück, so reichhaltig wie schon lange nicht mehr!). Heute bin ich bei Mme und M. Mathieu, morgen kann ich in Cirfontaines-en-Ornois bei Mme Suc übernachten (wenn ich weg bin, ist die Bude dort nämlich für  Monate vermietet -  ich kann nur hoffen, dass sich für die anderen Pilger, die noch kommen werden, irgendein Wunder auftut).

08Die Strecke heute war schön, und einfach zu gehen; das Wetter war optimal, geregnet hat es nur einmal zart für ein paar Sekunden, gerade so lange, wie ich brauchte, um den Regenschutz auszupacken. Herr Rothers Beschreibung bezüglich der Moulin des Brixey war leider zu uneindeutig, so dass ich einen Umweg ging, der aber sehr schön war – als ich auf der Anhöhe hinter Brixey südlich wandelte, kam die Sonne raus und erleuchtete die ganze westlich liegende Landschaft.

Kirche in Domrémy-la-Pucelle

Kirche in Domrémy-la-Pucelle

Jetzt bin ich in Domrémy-la-Pucelle und bin ein wenig den „Spuren der Jeanne d‘Arc“ nachgegangen. Erst war ich in der kleinen Kirche, die dieses mutige Mädchen besucht hat – meine Güte, jetzt werd‘ ich sentimental. Aber es war schon berührend, das alte Weihwasserbecken zu sehen, die Heiligenfigur, vor der sie gebetet hat (auch wenn das nicht mein Kult ist). 12Dann besuchte ich ihr Geburtshaus und die dazugehörigen Ausstellungen. Im kleinen alten Geburtshaus hörte ich ein spontan improvisiertes Konzert einer Gruppe von Mittelalter-Musikern. Das hatte Flair.

Meine Gastgeber sind sehr lieb. Hin und wieder geht‘s schon ganz gut mit dem Französisch – wenn nicht gerade die falschen Vokabeln dran sind…

Habe heute mal wieder einen Prüfhund gehabt. Habe die Prüfung nicht besonders gut gemeistert. Aber natürlich hat er mir nichts getan.

19 km

Sonntag, 19. Juli, Domrémy-la-Pucelle — Cirfontaines-en-Ornois

Ich dachte immer, was Schlimmeres als den dreißigjährigen Krieg gab‘s nicht. Aber die Franzosen hatten einen hundertjährigen Krieg! Jeanne d‘Arc hat im Prinzip den entscheidenden Impuls gegeben, diesen Krieg mit dem Sieg der Franzosen zu beenden. Hundert Jahre! Kein Wunder, dass der alte König verrückt wurde. Kompliziert wurde das Ganze, weil die Burgunder mit den Engländern im Bunde waren. – Wobei wir wieder beim Weg wären: in Burgund bin ich noch nicht, aber heute habe ich Lothringen verlassen und befinde mich in der Champagne.

Um kurz nach neun bin ich bei meinen wunderbaren Mathieu-Gastgebern in Domrémy aufgebrochen und erstmal zurück nach Greux marschiert (nur ein paar Meter), weil da ein Bäcker war.
Ich habe extra ein Handtuch ganz oben in den Rucksack gepackt und die Füße auch noch nicht mit Hirschtalg eingerieben, da am Anfang der Route (nach vielleicht 2 km) eine „Furt“ sein sollte. Herr Rother schreibt dazu: „Schuhe aus und durch!“ War dann aber doch nicht nötig, denn inzwischen haben mitdenkende Zeitgenossen
an der Seite einen Übergang aus Steinen gelegt, so dass man mit ein bisschen Geschick ohne Weiteres trockenen Fußes rüberkommt. Niedliche kleine Furt. Hab‘ dann aber trotzdem noch eine Hirschtalg-Pause machen müssen. Danach fing es ein bisschen an zu regnen.
11-1In dem 6 km langen Bois de Dainville machte ich eine Snackpause, dann fiel mir ein, dass dies mein erster Sonntag ohne Gottesdienst war, und so fing ich an, dem Wald die Lektion vorzulesen. Als es mir zu kalt wurde, packte ich den Rucksack und las im Gehen weiter. Das war kein Problem, weil es immer nur geradeaus ging.
Als ich im zweiten großen Waldstück hinter Dainville nochmal ein nettes Plätzchen für eine Pause fand, gelang mir ein Deal mit den Bremsen – sie ließen mich in Frieden picknicken. Man muss nur diplomatisch genug sein.

Habe mir gerade meine von Domrémy mitgeschleppten Nudeln gekocht. Öl habe ich keines gefunden, aber nach langem Suchen Salz und Pfeffer. Es gibt noch einen anderen Gast hier, der sitzt gerade vor der Glotze.

ca. 25 1/2 km

Montag, 20. Juli, Cirfontaines-en-Ornois — Joinville

Mache Pause in Joinville. Das aufregendste an so einer Tour sind nicht etwa die vielen Prüfhunde (von denen ich heute allerdings gleich mehrere hatte – in einem Dorf schauten aus einem Haus drei kleine bis mittelgroße Hunde heraus, die Vorderpfoten auf dem Fensterbrett, und machten mich übel an. In einem anderen Dorf war ein Hund definitiv vor dem Haus, ohne etwas zwischen uns, und kläffte mich bedrohlich an. Diesmal schaffte ich es, ohne mit der Wimper zu zucken, vorbeizugehen, allerdings nicht ohne intensives Beten). Nein, das Aufregendste ist, zum erstenmal im Leben einen Waschsalon zu benutzen, vollautomatisch, und dann auch noch auf französisch. Bekam ein bisschen Hilfe von einem älteren Herrn, der mit derlei Örtlichkeiten auch noch nicht viel Erfahrung hatte. Jetzt sitze ich gerade im gegenüberliegenden Café und warte, dass die Wäsche fertig wird. Vor mir ein viel zu starker Kaffee, in den ich ganz viel Zucker geschüttet habe (wenn das mein Vater wüsste :-)   Jetzt geh‘ ich nach meiner Wäsche sehen.  … die angegebenen 30 Minuten sind längst vorbei. Gerade kommt der nette hilfsbereite Mann angefahren. … Der nette Herr hat mir eben anvertraut, dass auch er vielleicht nächstes Jahr auf Pilgerschaft gehen wird. Er scheint keine Angst vor 30-km-Märschen zu haben. (…) Ich bin immer noch unschlüssig, ob ich mich der 38-km-Mammut-Tour stelle, oder lieber der Übernachtung im Waschhaus, für eine alleine wandernde Frau vielleicht nicht ganz ungefährlich. Ich weiß es wirklich noch nicht.
… Den Wäschetrockner kannste echt inner Pfeife rauchen! Habe jetzt nochmal 50 cent reingeschmissen. Wenn‘s nicht hilft, muss ich heute nacht im Adamskostüm… ist nämlich auch mein Schlafanzug drin, so‘n Mist…

Diese eng aneinandergereihten Wohnhäuser am Kanal sind sehr hübsch. Hier lässt sich‘s sicher gut aushalten.

14

Habe heute auch wieder ein wunderbares Reh gesehen. Sprang nach einer Weile vorsichtig weiter weg in ein hochstehendes Kornfeld, von wo es mich hin und wieder, Kopf aus dem Korn ragend, beäugte. Extrem süß.

25 1/2 km

Dienstag, 21. 7. Joinville

Heute keine Kilometer.
Habe eben die Gürtelschnalle des heiligen Josef gesehen.
Filme sind wahnsinnig teuer. 6,10 € für einen einzigen 36ger-Film. Die nehmen‘s von den Lebendigen. Aber ich ärgere mich jetzt nicht mehr. Auch nicht darüber, dass ich von nebenan eingeräuchert werde. Die Dame geht sowieso.
Ich warte auf mein Mittagessen. Die haben sogar bezahlbare Gerichte hier.
Gleich gehe ich vielleicht in den Park. Es ist jetzt sehr heiß. Dann muss ich noch einkaufen. Brötchen und Wasser, und ein bisschen Obst.

Die Entscheidung ist gefallen. Ich gehe morgen die 38 Kilometer.

Mittwoch, 22. 7. Joinville — Colombey-les-deux-Eglises

Gegangen. 38 km.
War die richtige Entscheidung.
Um Punkt 7.00 Uhr trat ich zum Frühstück an. Wer fehlte, war der Wirt (draußen vor der Tür warteten auch schon ein paar Männer). Um ungefähr 5 nach 7 kam er verschlafen die Treppe hinunter und machte sich an‘s Öffnen seiner Wirtschaft. Netter, gemütlicher Kerl.
Das enge Treppenhaus werde ich auch nicht so schnell vergessen. Ich bekam jedesmal Gleichgewichtsstörungen, wenn ich hochging. Es war einfach total schief.

Ich verließ das Hotel du Nord um 8.15 Uhr. Nicht schlecht für meinen Schnitt, wenn ich auch eigentlich um 8.00 Uhr los wollte.
13-1Die erste positive Überraschung waren der Pilgerstempel in der Kirche Notre-Dame-de -Blécourt und die vielen Einträge deutscher Pilger im ausliegenden Buch (erst wenige Tage her! – und ich dachte immer, ich bin die einzige Verrückte hier…). Die Kirche ist, wenn auch nicht in optimalem Zustand, innen wunderbar geweißelt und hat sehr schöne bunte Fenster. Eine kleine liebevoll in die Landschaft gesetzte gotische Kirche, ein Kathedrälchen. Offensichtlich hat einst der bedeutende Jean de Joinville (dem Joinville den Besitz der Gürtelschnalle verdankt) eine aus Blécourt stammende Adlige namens Marie geehelicht – Grund genug, hier auf dem Dorf ein kleines Schmuckstück zu errichten.

Am Rande des Waldes vor Léschères-sur-le-Blaiseron standen mehrere LKWs. Als ich mich dann auf einem Waldsträßchen befand, brauste einer von ihnen an mir vorbei. Als ich zur nächsten Weggabelung kam, stand dieser (oder ein anderer?) LKW fett und breit genau in meiner Abzweigung, hatte seinen Lichtschutz im Führerhäuschen heruntergelassen, und man kam weder rechts noch links vorbei. So machte ich einen (großen!) Bogen durch‘s Gestrüpp. War ein bisschen unheimlich. Später sah ich noch mehr solcher LKW. Vielleicht hatten sie gerade Mittagspause und hielten ihre Siesta…

16Erreichte das aufmerksam mit Blumen geschmückte Waschhaus von Leschères-sur-le-Blaiseron um viertel vor eins. Ein wunderbar schattiges Plätzchen für eine Pause, aber schlafen? Näh. Auf dem hubbeligen Pflaster hätte ich mit meiner bescheidenen Iso-Matte keinen Spaß gehabt. Auch der Toilettengang wäre schwierig geworden – ein paar Bäume, aber der nächste Wald eine halbe Stunde entfernt…

Auf der Hochebene hinter Ambonville war‘s nicht so beschaulich -  dort gab es eine Riesenbaustelle. Man musste teils über‘s Stoppelfeld gehen, um an den großen Baumaschinen vorbeizukommen.

15Kurz hinter Guindrecourt-sur-Blaise sprach ich zwei Fahrradfahrer an, weil ich mir nicht sicher war, wie‘s weiterging. Sie entpuppten sich als Deutsche auf dem Jakobsweg. Kurzes, nettes Gespräch, ein wenig Spötteln über irreführende Beschreibungen im Wanderführer, und dann zog jeder seines Wegs.

Das Wetter heute war alles mögliche, aber nicht „orageux“. Erst total zugezogen, dann war mal plötzlich die Sonne da und blieb eine Weile, dann war sie wieder weg – aber meistens war es sehr heiß, jedenfalls am Nachmittag.

To make a long story short: habe es bis Colombey-les-deux-églises geschafft. Fand auch direkt das „Colombey“, bei dem ich über die Dame vom Touristenbüro  Joinville reserviert hatte. Und dann die böse Überraschung: Der Wirt hatte für mich gestern reserviert; heute ist er leider ausgebucht. Aber auf wundersame Weise war seine Mutter anwesend, die ebenfalls Zimmer vermietet. Sie nahm mich mit dem Auto mit zu ihrem Haus. Dort bekam ich dann erst einmal ganz viel leckeren eisgekühlten Orangensaft und durfte mit ihrem Mann klönen, während sie noch schnell das Zimmer bereitete. Monsieur Dambrine fragte mich freundlich aus, warnte mich vor der Übernachtung im Freien, die ich soeben vermieden hatte, und legte mir ultimativ nahe, auf jeden Fall das Charles-de-Gaulle-Memorial anzusehen. Pflicht!
Zum Abendessen wurde ich in das Hotel geschickt, das mir zum Übernachten zu teuer war… frühstücken werde ich dort auch – es kommt ein bisschen teurer als geplant, aber hier in Frankreich muss man lernen, für das dankbar zu sein, was sich spontan eröffnet.

38  km

Donnerstag, 23. 7. Colombey-les-deux-Eglises — Clairvaux

Manchmal läuft alles anders als geplant. Aber dann ist es auch gut. Jetzt sitze ich in Clairvaux im Hotel de l‘Abbaye, habe gerade einen heißen Kakao bestellt, und draußen gießt es in Strömen. Ich habe beschlossen, wegen der Situation mit den teuren Unterkünften kein schlechtes Gewissen mehr zu haben und auch nicht depressiv zu werden, sondern es mir stattdessen in den teuren Unterkünften gutgehen zu lassen. Habe hier ein ganz nettes Hotel gefunden, sehr schönes Zimmer, auch wenn die Dusche nicht funktioniert…

Charles de Gaulle hat mich aufgehalten. Zurecht. Habe ein bisschen was über französische Geschichte erfahren. (Wer sich jetzt langweilt, weil er das alles schon wusste, möge nachsichtig mit mir sein; tatsache ist, dass das in der Schule völlig an mir vorübergegangen sein muss, insofern fand ich alles höchst spannend.)
Die Deutschen haben 1940 einen Teil des südlichen Frankreich erobert, und Charles de Gaulle, der schon lange vorher die unzureichende Landesverteidigung bemängelt und sich damit viele Feinde gemacht hatte, floh nach London, von wo er seinen berühmten Rundfunk-Appell an das französische Volk richtete (einen Auszug davon hatte ich in Nancy an einem Tor entdeckt). Den hörten zwar nur ganz wenige Menschen in Frankreich, aber durch Zeitungen und Mundpropaganda verbreitete er sich rasend schnell. Im französischen Volk gab es eine große Geschlossenheit darin, der mit Hitler zusammenarbeitenden Vichy-Regierung zu misstrauen und daheim oder im Ausland den Widerstand zu organisieren. Die Franzosen sind einfach ein sehr freies Volk.
-  War es Neid? Scham? Darüber, dass wir nur mit einem größenwahnsinnigen, popelbremsetragenden Schrumpfgermanen aufwarten können? Irgendetwas wurmte mich jedenfalls auf dem Weg. Bis mir dann wieder einfiel, dass auch wir Männer vom Format eines General de Gaulle im deutschen Widerstand hatten: Stauffenberg, von Moldtke, … und schließlich eine friedliche Revolution. Na also. Der Tag ist gerettet.

Viele Sonnenblumenfelder unterwegs. Heute habe ich im Wald einen Vater mit zwei kleinen Kindern beim Wandern getroffen. Das ist doch eher eine Seltenheit – habe mich gefreut. Als sie mir von weitem entgegen kamen, stand genau zwischen uns auf dem Weg ein Reh.

Mit Bernhard von Clairvaux beschäftige ich mich jetzt nicht. Rother schreibt: „Bernhards Denken und seine fanatische Forderung nach religiös motiviertem Krieg ist heute zum Glück nur noch wenigen Terroristen verständlich.“ Folgerichtig ist seine Abtei in Clairvaux heute auch ein Gefängnis :-)

In den Restaurants und Kneipen bin ich meist ein Außenseiter bis zu dem Augenblick, wo ich nach dem Wetter frage. Dann tauen die unnahbaren Jungs ganz schnell auf.

Wenn in einem guten Hotel die Dusche nicht funktioniert, ist es meist so, dass man das Verfahren noch nicht begriffen hat. Dies ist jedenfalls der erste Duschknopf meines Lebens, an dem man wackeln muss, damit er Wasser ausspuckt. Leider sind jetzt meine Socken wieder nass, naja…

13  km

Freitag, 24. 7. Clairvaux – Essoyes

18Heute um 7.00 Uhr zum Frühstück angetreten. Mal richtig viel Butter, gute Marmelade, und Nutella, aber die Brotmenge demgegenüber doch erschreckend klein. Nun ja… in Champignol Brötchen-Nachschub besorgt, Und dann: Weinberge! Wunderschöne Ausblicke übers weite Land, hin und wieder ein bisschen Sonne.

In Essoyes habe ich erstmal Renoirs Atelier besucht – die Farbkleckse auf dem Fußboden sind allerdings nicht von Renoir, sondern von Stipendiaten, die in den 90ger-Jahren dort gearbeitet haben…
(…)
Gerade war ich beim Bäcker und habe für morgen zwei Croissants gekauft. Ob ich Deutsche sei. Ob ich hier die Stadttour mache. Nee, sage ich, ich bin heut schon genug gelaufen. St. Jaques de Compostelle. Daraufhin kriege ich eine Schlemmerpizza und ein Riesenbaguette geschenkt.

Bin nicht gerade in der billigsten Unterkunft untergekommen – aber ein bessere hätte ich nicht finden können. Sie gehört Y., einem Journalisten, der hierzulande unter dem Namen N.M. bekannt ist. Etwas später traf noch C. ein, ein Musikprofessor aus Luxembourg, der ebenfalls auf dem Pilgerweg ist. Erst wollte ich nicht an dem Abendessen teilnehmen, weil es ein bisschen was kostete, aber glücklicherweise war ich dann doch nicht so blöd, das Angebot auszuschlagen. Y. spricht ein bisschen deutsch, C. spricht hervorragend beide Sprachen und übersetzte bereitwillig für mich. Als die beiden herausbekamen, dass ich auch Musikerin bin, musste ich mit C. ein Bartok-Klavierstück vom Blatt singen. Wir unterhielten uns so prächtig, dass wir darüber beinahe das Essen vergaßen…
C. geht seinen eigenen Jakobsweg. Quer durch Frankreich. Gehen, ankommen. Er hat keinen Wanderführer, und ich weiß nicht, ob er eine Karte hat. Er ist Triathlon-geübt und geht am Tag zwischen 30 und 50 (jau) kilometern. Jedes Jahr gibt er sich nur 10 Tage – mehr Abwesenheit möchte er seiner Familie nicht zumuten. Er geht den Jakobsweg, wie er sagt, als „Tribut an das Leben“, sozusagen als Dank für das viele Gute, das er erlebt hat. Super Motiv.
Ich erzähle ihm von meinen Hunde-Erfahrungen, und er bestärkt mich in dem, was ich daraus gelernt habe und wie ich damit umzugehen versuche. Hier ist mal ein Mann, der keine Angst um mich hat. Er sagt: Es ist immer jemand bei dir.
Y. legte uns verschiedene gute Musik auf – von Jazz bis leicht asiatisch. – Im Übrigen war das Essen einmalige Spitze und den Preis absolut wert.

ca. 24  km

Samstag, 25. 7. Essoyes – Les Riceys

Die Seine bei Courteron

Brücke über die Seine bei Courteron

Zum Frühstück gab‘s Mahlers 4. – Da war C. allerdings schon über alle Berge.

Als Herr Rother diese Etappe gewandert ist, war er wohl nicht sehr gut drauf; die Beschreibungen des  heutigen Tages waren doch sehr unzureichend. Trotzdem fand ich mich mithilfe von Karte und Kompass gut zurecht.

Es gibt ja keine Zufälle. Dass ich C. begegnet bin, war bestimmt nicht nur, um mich ein wenig aufzuheitern. Er erzählte, dass er sich nie ein Zimmer reserviert, sondern davon ausgeht, dass am Abend genau das da ist, was er braucht, und er bestärkte mich darin, das genauso zu machen. Da der Gedanke absolut christlich-wissenschaftlich ist, hatte ich dem nichts entgegenzusetzen und hielt mich heute daran.

20

Ricey-Haute-Rive

Les Riceys hat drei Teile: In der Mitte Riceys-Haute-Rive, zur Rechten Ricey-Bas, und weiter links Riceys-Haut. Der Stadtteil Riceys-Bas, wo es ein nicht ganz billiges Hotel geben soll, liegt nicht gerade auf dem Weg. Die trutzige alte Kirche des mittleren Ortes, Ricey-Haut-Rive sah von weitem sehr beeindruckend aus, und so ging ich dorthin. Von Nahem war der Anblick aber traurig: zerbrochene Fensterscheiben, Absperrgitter wegen angeblicher Einsturzgefahr; die schönen gotischen Ornamente gammeln und fallen ab. Die Absperrgitter machten es sogar unmöglich, die Kirche vollständig zu umrunden, und so folgte ich dem Weg dorthin, wohin er mich führte. Überall Champagner-Stationen, aber kein einziges Hotel. Schließlich sprach ich die einzigen Menschen an, die mir begegneten, ein älteres Ehepaar. Die Frau sagte sehr viel, von dem ich nur sehr wenig verstand. Es fiel das Wort „Hochzeit“, und dann nahmen mich die beiden ein Stück zu Fuß mit zu einem schmucken, jenseits des Baches gelegenen Anwesen, wo tatsächlich hinten im Park gerade ein Brautpaar mit einem Fotografen zugange war. Gerade als wir in den Hof traten, kam aus einer Tür ein gemütlicher älterer Herr heraus. Zwischen den Dreien entspann sich ein munteres, längeres Gespräch, von dem ich so gut wie gar nichts verstand, aber am Ende hatte ich ein Zimmer in der hauseigenen „Gite“! Zwar schlicht und ohne Frühstück, aber mit Küche, und die Einkaufsmöglichkeit beschrieb er mir auch gleich. Eigentlich wollte er 9,40 dafür kassieren, aber später meinte er dann, weil die Hochzeitsgesellschaft unter mir bestimmt viel Lärm machen würde, sollte ich gar nichts bezahlen! So sieht also mein heutiges Wunder von Les Riceys aus  – gut, dass ich auf C. gehört habe!

Sitze am rauschenden Bächlein und schreibe, aber der Hunger meldet sich, also geh‘ ich jetzt kochen.

17  km

Sonntag, 26. 7. Les Riceys – Etourvy

Wow … was für ein Tag!

Als gestern abend die Musik anfing, habe ich mir das Zimmer gesucht, das am weitesten weg war und bin mit Sack und Pack umgezogen. Dann habe ich mit Ohrenstöpseln ein paar Stunden friedlich geschlafen, bis ich durch ein penetrantes Piepen aufwachte – im Nebenzimmer war ein Rauchmelder losgegangen, wahrscheinlich durch den Qualm, der von draußen reinzog. Ich zog etwas über und fand unten bei den Hochzeitsgästen einen Mann, der mir half, das Ding wieder auszukriegen. Also wieder ins Bett, Ohrenstöpsel rein -  aber es war inzwischen mörderisch stickig im Zimmer geworden – also Fenster auf… da hatten die Kinder der Hochzeitsgesellschaft gerade beschlossen, im Hof Fußball zu spielen (das war so zwischen halb eins und eins) und krakeelten dabei rum, als würden sie abgestochen. Da halfen auch keine Ohrenstöpsel. Also habe ich Schlafsack und Wecker gepackt und bin wieder in ein anderes Zimmer gezogen. Da hörte man die Kinder nicht, aber dafür war die Musik so laut, dass auch kein Schlaf zu finden war. Also nach einer Weile wieder zurück. Inzwischen waren denn auch die Kinder des Fußballspielens überdrüssig geworden, und irgendwann konnte ich ein bisschen schlafen. Als mein Wecker um kurz nach 5 ging und ich die Stöpsel rausnahm, tanzten die immer noch. Als ich dann schließlich in die Dusche schlurfte, traute ich meinen Ohren nicht: „99 Luftballons“. Auf deutsch natürlich. Ich öffnete das Fenster des Duschraums und war mit der ganzen verrückten Hochzeitsgesellschaft versöhnt …

Blick zurück auf Riceys-Haut

Blick zurück auf Riceys-Haut

Hinter Les Riceys ging‘s wieder in die Weinberge. Bei einer zweideutig auslegbaren Anweisung meines Wanderführers entschied ich mich für den falschen Weg und landete auf einer Landstraße. Hätte ich den Kompass benutzt, hätte ich sofort gemerkt, dass ich nicht auf der Straße war, auf der ich mich vermutete. So aber staunte ich nicht schlecht, als ich das Ortseingangsschild „Beauvoir-sur-Sarce“ las, während ich mich eigentlich vor Bagneux-la-Fosse wähnte. War aber gar nicht so schlecht. Effektiv hatte ich so ein Stück abgekürzt. Vor Bragellone lief mein Weg wieder mit dem Rother-Weg zusammen; dann ging‘s wieder durch den Wein. Ich bekam Hunger, obwohl es noch sehr früh war (naja, ich hatte ja auch früh gefrühstückt). Bei einem schönen schattigen Baum machte ich eine ausgiebige Picknick-Pause. Die vorbeifahrenden Weinarbeiter schienen das ziemlich merkwürdig zu finden (so sie mich denn sahen). – Die Weinbergtraktoren sehen übrigens völlig hipp aus mit ihren hohen dünnen Rädern und den komischen Saugschläuchen- wie aus einem 60ger-Jahre-Science-Fiction-Film.
Als ich mich zum Aufbruch aufrappelte, erspähte ich hinter mir einen Spaziergänger mit Hund, der aber bei genauerem Hinsehen verdächtig nach Jakobspilger aussah. Also wartete ich. Es war Els aus Belgien, die ebenfall nach Vézelay unterwegs ist, ziemlich flott und mit zwei Wanderstöcken bewaffnet. Der Hund gehörte ihr nicht, folgte ihr aber schon den ganzen Tag. Er hatte kein Halsband, aber um den Hals ein paar unangenehme Schürfwunden. Es war ein sehr netter Hund! Wir gingen gemeinsam weiter, und der Hund wich nicht von unserer seite. Irgendwann zeigte er allerdings Ermüdungserscheinungen; es war sehr heiß, er war schon lange gelaufen, und die Wasserpfützen, in denen er sich wälzen und trinken konnte, blieben allmählich aus. Els stellte daraufhin ihre Trinktasse zur Verfügung, und er bekam ein bisschen von meinem Wasser. Zu fressen wollte Els ihm lieber nicht geben, damit er nicht noch anhänglicher würde. Im nächsten Dorf suchten wir nach Hilfe. Ein Mann stellte dem Hund eine Schale Wasser hin, eine andere Frau sagte, sie möge keine Hunde, und im Übrigen wären die Tierheime laut Zeitungsberichten überfüllt. Da uns also nichts anderes übrigblieb, nahmen wir unseren treuen Begleiter mit zum Etappenziel Etourvy. Dort kam es allerdings beinahe zur Katastrophe: nur mit Mühe konnten wir den armen Kerl, der den ganzen Tag nichts gefressen hatte, davon abhalten, in den Dorfbach zu springen und die Schwäne zu jagen. Da er kein Halsband hatte, mussten wir ihn am Fell festhalten und schleppten uns und ihn so weiter die Straße entlang, weg vom Wasser. Leider wollte es der Zufall, dass das Bächlein wenige Meter weiter noch einmal um die Ecke schaute, und weil wir nicht schnell genug waren, ging unser Hund diesmal auf Entenjagd! Wir versuchten, ihn durch lautes Rufen von seinem Vorhaben abzubringen, und ich war drauf und dran, die Schuhe auszuziehen, um hinterherzuwaten. Unser Rufen brachte immerhin ein paar Leute auf den Platz, und Els schaffte es tatsächlich durch gutes Zureden, den Hund wieder aus dem Wasser zu kriegen, bevor die erste Dorfente betrauert werden musste. Nun hielten wir beide den pitschnassen Hund am Fell fest, während alle auf dem Platz überlegten, was zu tun sei. Els und ich entschieden, dass es ok wäre, dem Hund meine Not-Bifi zu spenden. Eine Frau überlegte, dass es das beste wäre, einen großen starken Mann zu holen, um den Hund festzuhalten. Schließlich kam dann auch ein älterer Mann mit einer langen Leine; ein Auto wurde organisiert, um den Hund in sein Heimatdorf zurückzufahren, und wir hatten das Glück, durch den Vorfall an die richtige  Person gelangt zu sein, die den Schlüssel für die Gite municipale hatte.

In der Gite wurden wir von einer Familientreffen-feiernden Gesellschaft zum Abendessen eingeladen und wurden herzlich aufgenommen, halfen auch nachher ordentlich beim Abwasch mit. Els, die gut französisch spricht, bedankte sich dafür, dass wir als Fremde so einfach in den Kreis der Familie aufgenommen wurden. Daraufhin sagte eine der älteren Damen, wer sich auf den Weg des St. Jaques de Compostelle mache, gehöre eigentlich zur Familie.

22  km

Montag, 27. 7. Etourvy – Tonnerre

Die heutige Etappe habe ich mit Els gemeinsam begonnen. Später, in Melisey, stieß noch Paul dazu, ein Franzose, der eine ähnliche Route gegangen ist wie Els. Wir gingen zusammen bis Tonnerre, wo Els und ich für die Nacht geblieben sind; Paul wollte noch weiter Richtung Chablis. Glücklicherweise spricht Paul ebenfalls gut englisch, und auch ein bisschen deutsch. Meistens kommunizierten wir im fröhlichen Wechsel von englisch und französisch. War ein ganz gutes Gerenne mit den beiden. Ich kam einigermaßen mit (bei den Steigungen war ich meist ein bisschen langsamer), lernte aber dabei die Vorzüge des Alleine-Pilgerns schätzen. Trotzdem war ich auch sehr dankbar für diese vorübergehende Gesellschaft auf meiner Reise, nach so vielen Tagen der Einsamkeit.

Els bleibt zwei Nächte hier; ich will morgen früh weiter.
Von der Kirche St. Pierre aus hat man einen herrlichen Blick über die Dächer von Tonnerre; leider war die Kirche geschlossen. Unterhalb muss irgendwo die heilige Quelle Fosse Dionne sein; vielleicht kann ich morgen früh auf dem Weg noch dort vorbeischauen.

Es muss noch angemerkt werden, dass wir heute die Champagne verlassen haben und nunmehr in Burgund weilen.

19  km

21

Dienstag, 28. 7. Tonnerre – Noyers/ Cours

Heute ist alles anders.
Ich habe den Rother bis Vézelay weggepackt und folge der Töpner-Route nach Avallon – allerdings inzwischen auf meinem eigenen Weg.

22

Blick zurück auf Tonnerre, links die Kirche St. Pierre

In Tonnerre habe ich tatsächlich noch die Fosse Dionne besucht, um 9.00 Uhr meine letzte Sendung zur Post gebracht, und dann mit dem Aufstieg durch die Rue de St. Michel begonnen (das Kloster St. Michel lag  nicht direkt auf dem Weg, und ich machte mir nicht die Mühe, es zu suchen). Dann ging es an der D 944 entlang -teilweise herrliche Ausblicke, aber doch ein bisschen viel schnell fahrende Fahrzeuge.

In Yrouerre fand ich am Ortseingang einen Holztisch mit Bänken und machte mich daran, meine Vorräte zu verspeisen. Dabei studierte ich Töpner und Karte und beschloss, von der großen Route abzuweichen und nicht nach Nitry, sondern nach Noyers-sur-Serein zu gehen. Ich überlegte, ob ich anrufen und mir die teure Unterkunft reservieren sollte, die Herr Bützow mir genannt hatte. Merkwürdigerweise kam mir der Gedanke: ruf nicht an. Als ich es dann doch tun wollte, weil ich es für ein Gebot der Nächsten liebe hielt, rechtzeitig zu buchen, damit die Leute alles in Ruhe vorbereiten können, war der Rasenmäher neben mir so laut, dass ich unmöglich ein Telefonat auf französisch führen konnte. Also gab ich es auf. Gerade als ich anfing, meine Wanderschuhe wieder anzuziehen, stellte der Mann seinen Mäh-Trecker ab und fragte mich, ob ich auf dem Chemin de St. Jaques de Compostelle sei. Dann kam er zu mir, faltete meine Karte auseinander, und wir diskutierten über verschiedene Routen. – Je näher du Vézelay kommst, desto öfter triffst du auf Menschen, die den kürzesten oder den schönsten … Weg kennen. Patrick, so hieß der Mann, empfahl mir eine Abkürzung; die meisten, so sagte er, würden von Joux-la-ville direkt quer durch nach Vézelay laufen, ohne Abstecher nach Avallon. So erfuhr ich, ganz nebenbei, dass ich nicht die einzige Verrückte bin, die die D 944 runtergelaufen kommt. Ich war aber nun fest entschlossen, erst nach Noyers und dann nach Avallon zu gehen. Er stimmte mir zu, Noyers sei ein sehr lohnendes kleines Städtchen, aber ich sollte nicht in der teueren Unterkunft übernachten, sondern noch zwei Kilometer weiter gehen und in der Prieuré Cours bei Soer Fulbert nach einem Bett fragen.

10-2Es war doch sehr ruhig und beschaulich, wieder auf den kleineren Landstraßen unterweg zu sein. Ungefähr 13 Kilometer nach Yrouerre erreichte ich Noyers. Dieses kleine Städtchen hat ein einmaliges mittelalterliches Stadtbild; viele Häuser sind aus dem 16. Jahrhundert. Die Kirche (15. Jh.) war sogar geöffnet (was ja hierzulande selten ist).  Wenn man in den südlichen Teil kommt, gibt es da jede Menge Restaurants, Cafés und Boutiquen. Dort habe ich dann auch ein wenig pausiert, bis  die Herrschaften am Nebentisch angefangen haben zu qualmen wie die Fabrikschlote.

Danach ging es noch zwei unaufregende Kilometer weiter zur Prieuré Cours. Ich fand die betagte, aber quicklebendig frisch und freundlich lächelnde Ordensschwester (nach Klopfen und Hereingebetenwerden) in einem Sessel am Schreibtisch. Klar hatte sie eine Schlafgelegenheit für mich. 09-1Aber erst einmal musste ich die Kapelle anschauen. Dieses Kleinod aus dem 12. Jahrhundert bekommen garantiert nicht viele Touristen zu Gesicht. Als Soer Fulbert (die Einheimischen nenne sie liebevoll Fu-Fu) rausgekriegt hatte, dass ich Musikerin bin, musste ich (durfte ich!) an der Orgel improvisieren. Es war keine besondere Orgel, aber es war ein erhabener Ort, und Soer Fulbert hörte gerne und lange zu. Dann bekam ich wie selbstverständlich meinen Abendbrot-/ Frühstückskorb. Da Soer Fulbert sehr schnell spricht, kapier ich nicht immer alles, aber irgendwie hatte sie eine Frau erwähnt, die noch Brot bringen wollte und die nicht gekommen war. Folgerichtig fehlte in dem Korb auch das Brot. Aber Soer Fulbert hatte alle möglichen guten Sachen reingestellt: frisch angemachten Salat, Milch, Joghurt, Marmelade, Zucker, Teebeutel, Aprikosen. Ich machte mich also glücklich daran, das Abendbrot zu bereiten (wobei ich meine spärlichen Brotreserven für das Frühstück aufsparen wollte, um die Marmeladen entsprechend würdigen zu können),

die Prieuré Cours

die Prieuré Cours

da klopfte es an der Tür, und da stand die Nachbarin aus dem Dorf mit dem Brot, einer Chipstüte und einer Packung Kochschinken, aber eigentlich, meinte sie, wollte sie mich jetzt direkt zum Essen einladen…
Oh diese Gastfreundschaft! Ich musste direkt mit dem Auto mitkommen. Etwas wehmütig packte ich den Salat und die anderen Sachen in den Kühlschrank, die mir Soer Fulbert so liebevoll in den Korb gepackt hatte. An diesem Abend bekam ich ein exzellentes französisches Menü; dazu wurde ich in einen 6-köpfigen Familien- und Freundeskreis aufgenommen wie eine lange erwartete Austauschschülerin…

23.05 Uhr. Ich sollte längst im Bett sein… Eben habe ich noch Soer Fulberts guten Salat gegessen. Und drei Aprikosen (aus dem eigenen Garten – total lecker!).  Das musste einfach noch sein. Alles andere wäre pietätlos gewesen. Außerdem bin ich Pilgerin, und da darf man reichlich essen. … Aber jetzt muss ich echt ins Bett.

23  km

Mittwoch, 29. 7. Cours – Avallon

07-1Heute habe ich mich ziemlich bös verlaufen. Soer Fulbert hatte ja schon etwas besorgt die Stirn gerunzelt, als ich ihr das kleine Weglein in der Karte zeigte, dem ich von Marcilly quer durch Niemandsland nach Sauvigny-le-Bois folgen wollte. Am Ende der offiziellen Straße wollte mich denn auch ein recht großer weißer Hund nicht durchlassen. Er wusste wohl, warum. Naja, ich wurde ziemlich energisch, was ihn beeindruckte. Er zog den Schwanz ein und ging auf Abstand, und ich ging weiter. Das ging so lange gut, bis nichts mehr ging… Der einzige Abzweig führte ins Leere, der andere endete am Stacheldraht. Um mich herum Kuh- und andere -weiden. Zurück konnte ich nicht, denn da war ja der Hund, und wer weiß, ob er sich ein zweites Mal von mir hätte überrumpeln lassen; außerdem hätte ich dann einen sehr großen Bogen laufen müssen. Ich fühlte mich extrem ratlos. Aber das Schöne ist ja, dass Gott einen nicht im Stich lässt. Also „wendete ich mich zu ihm“ und lauschte auf einen guten Tip. Mir kam die Idee, auf die links von mir liegende Kuhweide zuzugehen – was die Kühe dort ziemlich erschreckte (wahrscheinlich dachten sie, ich wär der Schlachter, jedenfalls: weg waren sie. Im Galopp. Eine ganze Kuhherde – uffz! Mann, ich bin doch kein Ungeheuer! – Beweis: mich haben schon ganz viele Kühe sehr freundlich begrüßt, jawohl!). Jedenfalls fand ich an der Ecke dieser Kuhweide Traktorspuren, die durch den Zaun auf die nächste Weide führten, und siehe da: da war ein Verschlag, der sich mit einiger Mühe öffnen ließ. Ich also durch. Jetzt konnte ich auch sehen, dass die Stadt Provency in unmittelbarer Nähe  lag, und sah Autos, die wohl auf der D 86 fuhren, und das war nicht mehr weit weg. Ich fand einen Weg, dorthin zu kommen. Einmal musste ich vorsichtig über einen alten rostigen Stacheldraht klettern, dann noch eine Wiese hinanklimmen und war an der Straße. Endlich! Es war sehr heiß, und ich war recht flott hochgestiegen, was ich jetzt merkte. Also erstmal „Kaffeepause“ am Rande der Straße im Schatten eines Baumes mit viel Wasser und Kokos-Joghurt. Kokos-Joghurt! Meine Entdeckung des Jahres! Werde jeden Supermarkt in Frankreich danach filzen. (Viel Zeit bleibt mir allerdings nicht mehr dazu.)

06-1Die Pilgerkirche St- Lazare in Avallon war es auf jeden Fall wert, den Umweg nach Süden zu machen (wenn es denn ein Umweg war). Walter Töpner schreibt, dass die beiden (nach der Zerstörung durch die französische Revolution verbliebenen) Stufenportale „zum Schönsten zählen, was Burgund auf dem Gebiet der Portalplastik aus dieser Zeit aufzubieten hat“.
Über Avallon schreibt Töpner: „Ob die Stadt mit dem mythischen ‚Avalun‘ der Artussage identisch ist, bleibt im Dunkeln. Hingegen ist eine Übereinstimmung mit der keltischen Stadt „Abalun“ anzunehmen …“ – Unterwegs sah ich einen Wegweiser zu einer „Merlin-ferme“, wobei es sich gewiss um einen neuen Namen handelt, denn er stand nicht in der Karte.

23  km05-1


Donnerstag, 30. 7. Avallon – Vézelay

Sitze vor der wunderschönen alten Kirche in Pontaubert, habe bisher nur ein kleines Stückchen Weg hinter mir und feiere doch schon genüsslich meine erste Mittagspause. 04-1Habe den GR 13 entlang des Flüsschens „Cousin“ gewählt. Gute Wahl! Am Anfang des Weges steht ein warnender Hinweis, der Weg sei nicht geeignet für Kinder und ältere Leute. Endlich mal ein richtiger Wanderweg, der alles bietet, was das Abenteurerherz begehrt: kleine verschlungene Wurzel- und Gesteinspfade, über einen Bach balancieren, sturmgefällte Bäume über- oder unterklettern, und sogar einen Mini- Klettersteig mit Eisenkette zum Festhalten. Sehr cool. Bei Regenwetter allerdings wird man den Weg doch eher meiden müssen und lieber direkt die Hauptstraße nehmen, deren Verlängerung mir jetzt noch bevorsteht.

02-1Die Brücke und die Kirche von Pontaubert wurden um 1160 von den „Hospitaliers de St.-Jean-de-Jerusalem“ gebaut, die man auch „Chevaliers de Malte“ nannte. In einer ausliegenden Broschüre steht, dass die Hospitaliers sich von den rein militärisch ausgerichteten Templern unterschieden, indem sie sich sozial engagierten, Krankenhäuser gründeten und auch Pilger versorgten. Ein solches Krankenhaus muss auch hier in Pontaubert gestanden haben.
Ich habe hier in der Kirche eine Figur fotografiert, die „die heilige Syre“ heißt. Sie trägt ein Pilgergewand. (Anm.: habe inzwischen ein wenig im Internet recherchiert und herausgefunden, dass Syre der Legende nach im 7. Jh. mit ihrem Bruder, dem heiligen Fiacre, oder Fiavre, aus Irland nah Frankreich gekommen war, wo sie, offensichtlich im Zusammenhang mit dem Auffinden eines Heiligengrabes, von ihrer Blindheit geheilt worden sein soll.)

(…)

03-1Nach Pontaubert bin ich dann also hauptsächlich wieder auf der Hauptverkehrsstraße gegangen. War gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich rechnen die Autofahrer hier, so kurz vor Vézelay, einfach mehr mit querlaufenden Pilgern. Am Pilgerkreuz kurz vor der Ortschaft Fontette habe ich dann meine zweite Mittagspause gehalten und dabei die herrlichen Ausblicke genossen. Das Pilgerkreuz stammt aus dem 11. Jahrhundert, wenn auch anzunehmen ist, dass an ihm im Laufe der Jahrhunderte Erneuerungen vorgenommen worden sind.
Irgendwann kam ich dann auf die Idee, meinen Kompass rauszuholen und die Karte einzunorden. Dabei entdeckte ich, dass die Basilika von Vézelay bereits in Sichtweite war! Von nun an hatte ich beständig die „sich nähernde“ Basilika im Blick. In St. Père bog ich dann zunächst nochmal nach links in den Ort ab, um dort die schöne gotische Kirche „Notre Dame de St. Père“ zu bewundern. 2Töpner hat nicht zu viel versprochen. Mit ihren feinen, luftig-leichten Zierbögen ist die Kirchenfront mit das Schönste, was ich je gesehen habe.
In der Kirche spielte ein älterer Herr Orgel. Das elektronische Örgelchen stand unten im rechten Seitenschiff und wurde per Lautsprecher verstärkt, aber das tat der wunderbaren erhebenden Atmosphäre keinen Abbruch, die die Musik verströmte – bis ein glatzköpfiger Mann den Organisten mitten im Stück abwürgte, offensichtlich, weil er beten wollte und das Orgelspiel ihn dabei störte. Derselbe Mann, der sich einen Augenblick später kniend in einer Kapelle niederließ, hatte vorher beim Eintritt in die Kirche ohne Rücksicht auf die Musik laut mit einem Bekannten gequatscht und damit die Andacht aller anderen in der Kirche  erheblich gestört. Pharisäer lassen grüßen…
Der alte Orgelspieler nahm langsam seine Brille ab. Er spielte danach nicht mehr. Ich tat das Mindeste, was hier angesagt war, ging zu ihm hin und bedankte mich für sein schönes Orgelspiel, so gut ich das auf französisch konnte. Er lächelte.

Ich beschloss, nicht über die offizielle, südliche Straße nach Vézelay hinaufzugehen (Soer Fulbert hatte gesagt, das sei zu touristisch), sondern einen einsameren, nördlicheren Zugang zu finden. Mit ein wenig Kartenlesen und ein bisschen gesundem Menschenverstand glückte dieses Unternehmen dann auch. Auf halber Höhe erreichte ich ein großes Kreuz, von wo aus ich zarten mehrstimmigen Gesang hörte. Ich war natürlich neugierig und betrat den Vorraum der kleinen Kapelle La Cordelle, wo einige Männer und Frauen gemeinsam sangen, einen Hymnus nach dem anderen. Ich hörte eine Weile zu und erklomm dann den Rest des Berges.

18  km

Vézelay.

01-1

In der Vorhalle der Basilika St. Marie Magdalène gibt es drei Portale, die ins Kircheninnere führen: das große berühmte Doppeltür-Portal mit der pfingstlichen Ausgießung des heiligen Geistes auf dem Tympanon, und zwei Kleinere zur Rechten und zur Linken. Rechts werden die Ereignisse um die Geburt Jesu dargestellt, links die Begegnung der Emmaus-Jünger mit dem Auferstandenen. Töpner weist darauf hin, dass die Kreuzigungs-Thematik hier völlig fehlt (das Symbol des Kreuzes ist nur angedeutet in den ausgebreiteten Armen des Heilands bei der Ausgießung des Heiligen Geistes). Man ahnt, warum dies so ein lichter, spiritueller Ort ist. Trotz fanatischer Kreuzzug-Predigten auf der Terrasse hinter der Kirche. Im Jahre 1946 wurden hier von Gläubigen vieler Nationen in einer langen Friedensprozession große Holzkreuze den Berg zur Basilika hochgetragen. Einige internierte Deutsche, die von der Aktion erfuhren, baten darum, auch ein deutsches Kreuz beisteuern zu dürfen. Es steht hinten links in einer Seitenkapelle, genau vor der Statue des  Bernhard von Clairvaux, und schreit ihn stumm an.

31. Juli 2009, 17.22 Uhr. Ich sitze im Gartencafé unmittelbar neben der Basilika und beobachte die Straße. Els könnte irgendwann heute ankommen. Paul müsste schon durch sein, wenn alles  klargegangen ist, der ist ja schnell. Schade.
Kann aber auch sein, dass Els eine Etappe mehr braucht und erst morgen kommt. In jedem Fall sieht es wohl so aus, dass der Umweg über Avallon doch eher eine Abkürzung war.

Für mich hat der Jakobsweg immer weniger mit Knochen und immer mehr mit Freiheit zu tun. Die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostella hat für die Gläubigen über die Jahrhunderte ja auch immer ein bisschen Emanzipation gegenüber Rom bedeutet. „…deine Heimat ist der Himmel…“ – er ist so unendlich weit, der Himmel. Und er begleitet einen wirklich überall. He, und ich bin der Gast GOTTES!

Pilger auf Erden, deine Heimat ist der Himmel, und du, Fremder, bist der Gast GOTTES.

(Mary Baker Eddy)

Angekommen! Auf der Terasse der Basilika

Angekommen! Auf der Terasse der Basilika

Donnerstag, 11. August 2011

Na, das wird ja ein Abenteuer. Eben habe ich festgestellt, dass die Deutsche Bahn mir nur Fahrkarten bis Auxerre geschickt hat und nicht bis Avallon. … Aber Abenteuer sind ja gut : ) … Ein sehr netter französischer Schaffner hat mir erklärt, dass ich in Paris-Bercy noch eine Fahrkarte nachlösen kann.  Der spricht hier vier Sprachen im fliegenden Wechsel. Nicht schlecht.

… Mittagspause in Paris-Bercy. Endlich eine ordentliche Sitzgelegenheit. Hier ist so ein riesiges modernes Gebäude, dessen Zweck sich mir noch nicht ganz erschlossen hat. Hat schöne, an den Aufgang eines Aztekentempels erinnernde Freitreppen. Am Gare du Nord gab‘s keine einzige akzeptable Sitzgelegenheit (außer jeder Menge Straßencafés). In der etwas düsteren Metrostation wurde mir dann bewust, dass mein gesamtes Hab und Gut sich an einer nur unzureichend vor Taschendieben gesicherten Stelle befand. Aber dort unten im Gedränge ungeschickt mit dem Ding rumzuhantieren, um es woanders zu verstauen, wäre auch nicht besser gewesen. So ließ ich meinen Wertbeutel, wo er war, hielt nur immer unauffällig eine Hand in der Nähe.

Eigentlich schade, dass ich nun schon zum zweiten Mal in Paris auf der Durchreise bin und von der Weltmetropole so gut wie nichts mitkriege, außer vielleicht – ja, natürlich hat auch die Pariser Metro so ihren ganz eigenen Flair, wenn auch einen etwas verruchten. Eine angenehme und sehr kreative Überraschung ist der mitten im U-Bahnhof Gare de Lyon aufragende unterirdische Urwald. Tolle Idee! Man fühlt sich dort gleich wohler. Trotzdem war ich ganz froh, in Bercy die Metro hinter mir zu lassen. … Gerade einen Kinderlager-Rest verspeist, nach dem Motto: besser Milky Way als gar kein Süßkram…

Jetzt sitze ich im Regionalzug nach Auxerre. Meine Schuhe stinken nach dem komischen Fett, mit dem ich sie heute morgen noch schnell eingerieben habe. Zwei Stunden Aufenthalt in Auxerre sollten reichen, um mir die Kathedrale anzusehen, die ich durch meine Entscheidung für die Avallon-Route vor zwei Jahren verpasst habe.

… Der Jakobsweg hat schon seine ersten Höhepunkte, ehe ich ihn überhaupt begonnen habe. In Auxerre erwartete mich eine unglaubliche Krypta, verborgen unter der wunderschönen gotischen Kathedrale. Aber zunächst von vorne: Was ich zunächst für die Kathedrale St. Etienne hielt, war nur der Turm der schwer renovierungsbedürftigen Kirche St. Pierre. Ein paar Gerüste und Plastikplanen verheißen, dass sich jemand der Sache angenommen hat. Ursprünglich romanisch, dann mit einem gotischen massiven Turm versehen, hat man ihr später noch eine wunderbare Renaissance-Vorderfront verpasst. Die wird sehr schön aussehen, wenn sie mal renoviert ist…  Aber dann die Kathedrale! Gotik kann so schön sein, besonders, wenn es sich um renovierten weißen Sandstein (vermute ich mal) handelt. Das Mittelportal ist von einer Üppigkeit, die ich vorher nie gesehen habe. … Aber der Höhepunkt lag dann doch in der Tiefe: die Krypta. Die Decke eines Tonnengewölbes zeigt in Rot- und Ockertönen Christus auf einem weißen Pferd, umgeben von vier weiteren Reitern auf weißen Pferden (11. Jh.). „Und ich sah den Himmel aufgetan, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechigkeit. Seine Augen sind wie eine Feuerflamme… und sein Name heißt ‚das Wort Gottes‘. Und ihm folgte nach das Heer auf weißen Pferden, angetan mt weißer undreiner Leinwand … Und er wird sie regieren mit eisernem Stabe“ (Offenbarung 19). Auch das andere, etwas spätere Fresko (13. Jh.) zieht in den Bann, nicht zuletzt durch den tiefen, durchdringenden Blick des Christus, der hier als Universalherrscher mit Alpha und Omega dargestellt wird. Die Broschüre, die mir in die Hand gedrückt wurde, erklärt den Satz „Ich bin der Anfang und das Ende“ für mich sehr schlüssig als „Beginn und die Vollendung jedes Seins, d. h. die Ewigkeit.“

 

immer noch Donnerstag, 11. August, Abend in Avallon

Als der Zug vorhin in Sermizelles hielt, dachte ich ja noch, warum steige ich nicht einfach aus und gehe direkt die 10 Kilometer nach Vézelay? Aber jetzt bin ich doch froh, nochmal bis Avallon gefahren zu sein.
Vor einem kleinen Imbiss sitzen, beobachten, wie die malerische Silhuette  verträumter Häuser vor dem leuchtenden, von Wölkchen durchzogenen Abendhimmel langam dunkler wird, dabei Pommes kauen wie Kartoffelchips und an gar nichts denken, einfach nur genießen – so ist Urlaub.

… In der Abenddämmerung musste ich unbedingt noch zu St. Lazare. Die Stufenporteale sind viel schöner, als ich es in Erinnerung habe…

Freitag, 12. August 2011

 

Als ich gestern abend von St. Lazare kam, machte mich mein Wirt noch mit André bekannt, einem Jakobspilger aus Holland, der recht gut deutsch spricht. André war bereits in Santiago de Compostela und ist jetzt auf dem Rückweg (zu Fuß!!!). In Avallon hat er aber entschieden, dass er Vézelay gerne noch einmal sehen will, und so sind wir heute meinen kleinen coolen Abenteuerweg noch einmal zusammen gegangen. Ganz so cool ist es natürlich nicht, wenn man statt des einsamen Weges immer einen Kopf vor sich hat, der schneller ist, aber ich habe diese kleine Demutsübung an meinem ersten Tag gut verkraftet – schließlich sollte es auch Andrés letzter Tag werden, und ich kannte den Weg ja schon und gönnte ihm das Vergnügen, vorne zu sein. Es war gar nicht so einfach, diesen Pfad wiederzufinden, da die offiziellen Wegweiser inzwischen etwas anderes anzeigen.

In Pontaubert hielten wir unsere Frühstückspause respektvoll auf den Eingangsstufen im Innern der Kirche ab, da es draußen regnete. Als wir aber später am Pilgerkreuz vor Fontette ankamen, war es dort trocken, so dass wir ungestört unsere Mittagsstullen verzehren konnten.


Auch der wunderschönen kleinen gotischen Kirche in St. Père statteten wir noch einen Besuch ab, bevor wir den Berg zu St. Marie Madeleine erklommen, indem wir zielsicher nach rechts steuerten, wo der Wegweiser links sagte (und wir hatten natürlich recht – morgen wird diese Wegüberlegenheit meinerseits ein Ende haben, denn dann wird auch für mich alles neu sein).
Jetzt sind wir bei der Fraternité Monastique de Jerusalem untergekommen. Bei den Franziskanern wird noch renoviert. Die liebe Dame, die oben im versteckten kleinen Häuschen unsere Anmeldung entgegennahm, saß nach unserem (selbstgekochten) Abendbrot noch lange mit uns zusammen, und wir sprachen angeregt auf deutsch über Gott und die Welt. Schließlich riss ich mich los, um hier oben auf dem Zimmer, das ich ganz für mich allein habe, noch ein bisschen zu schreiben. Hast du gedacht. Die Tür geht plötzlich auf, und herein kommen drei total nette Holländerinnen, die alle ein bisschen deutsch sprechen.
Ich soll offensichtlich jetzt noch nicht so viel allein sein.
Auch gut.

km heute: keine Ahnung? so 15 ungefähr…

 

St Père-sous-Vézelay

Ste. Marie Madeleine, Vézelay